Rogier van der Weyden, Heimsuchung, um 1435/40, Museum der bildenden Künste Leipzig

Rogier van der Weyden

Heimsuchung

um 1435/40, Öl und Holz auf Tempera, 57,5 x 36,2 cm, Maximilian Speck von Sternburg Stiftung

Maria, die das Jesuskind in sich trägt, trifft auf Elisabeth, die trotz ihres hohen Alters Johannes den Täufer, den Vorläufer Christi gebären wird. Die „Heimsuchung“ wurde im späten Mittelalter häufig dargestellt, weil sie einen Gehalt besitzt, der die Menschen emotional anspricht. Zwei augenfällig schwangere Frauen stehen vor unseren Augen und legen jeweils eine Hand auf den Bauch der anderen. Durch diese Geste wird das Überirdische der religiösen Geschichte in ein nacherlebbares Motiv verwandelt. Die beiden Figuren malte Van der Weyden (Tournai zwischen 1398/1400  †Brüssel 1464) als lebendige Frauen aus Fleisch und Blut, verlieh ihnen aber zugleich eine Monumentalität, die jeden irdischen Maßstab sprengt. Ihre Gesichter sind mit äußerster Feinheit gemalt, um die Reinheit Mariens und das vom Alter gezeichnete Gesicht Elisabeths wiederzugeben. An den Händen kann man sehen, wie sich die Haut über den Knöcheln spannt und wie die Adern unter der Haut liegen. Die kostbare Kleidung ist mit großer Genauigkeit ausgeführt, ihre Pracht zeichnet Maria als Himmelskönigin aus. Die Landschaft ist mit einem atemberaubenden Sinn für Details wirklichkeitsnah dargestellt: In den Fischteichen spiegeln sich die Farben der Menschen, die am Ufer stehen, Laubkronen und Wolken. Auch in der Tiefe des Bildraums hat Rogier millimetergroße Figuren mit einer großen Präzision gemalt. Diese Details, mit denen er das Bild belebt, sind charakteristisch für den Perfektionismus eines Künstlers, der zu den größten und einflussreichsten Malern des 15. Jahrhunderts zählt. Der Realismus und die Innerlichkeit seiner Kunst erneuerten die Malerei des späten Mittelalters.