Lovis Corinth, Salome II, 1899/1900, Museum der bildenden Künste Leipzig

Lovis Corinth

Salome II

1899/1900, Öl auf Leinwand, 127 x 147 cm

Nach den Dichtungen von Joris-Karl Huysmans, Gustave Flaubert und Oscar Wilde, den Gemälden von Gustave Moreau oder der Oper von Richard Strauß wurde der neutestamentliche Salome-Mythos zu einem beliebten Thema der bildenden Kunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Im Alten Testament berichten die Evangelisten Matthäus (14, 3–11) und Markus (6, 17–18) von Salome, die um 1900 auch in Werken der bildenden Kunst zum Urbild der „Femme Fatale“ wurde.
Johannes der Täufer hatte die illegale Verbindung des Fürsten von Galiläa und Peräa, Herodes Antipas und  Herodias, der Frau seines Halbbruders, öffentlich verdammt. Für ihre Rachepläne benutzte Herodias ihre Tochter Salome. Sie veranlasste sie, nach einem aufreizenden Tanz vor Herodes das Haupt des Täufers zu fordern. Unmittelbar nach seiner Hinrichtung öffnet Salome in sinnlich lasziver Weise inmitten ihrer Dienerschaft und im Beisein des Henkers das Auge des Toten. Der Betrachter erlebt die Szene, in deren Mittelpunkt die verführerisch schöne Salome steht, geradezu als Voyeur des grausamen Geschehens. Diese Unmittelbarkeit der Darstellung hebt den historischen Abstand zum alttestamentlichen Vorgang auf. Der Künstler selbst ist daran beteiligt, indem er dem Henker seine eigenen Gesichtszüge verlieh. Der Erfolg des Gemäldes, dem im Jahre 1899 bereits eine erste malerische Fassung voranging (Buschreisinger Museum, Harvard University, Cambridge, Mass., USA), war überwältigend, und Corinth erhielt den Auftrag, die Kostüme für die Berliner Neuinszenierung des Salome-Stückes von Oscar
Wilde zu liefern.