Max Klinger, Amor kommend, Blatt 12 der Folge "Amor und Psyche", Opus V, 1880

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Max Klinger Opus V

Amor und Psyche

Apuleius, ein nordafrikanischer Schriftsteller (124–180 n. Chr.), erzählt in seinem Roman „Metamorphosen“, der auch unter dem Titel „Der goldene Esel“ in die Weltliteratur eingegangen ist, von Lucius, der – in einen Esel verwandelt – zahlreiche Abenteuer erlebt. Ergänzt wird der Roman von Geschichten, die der Held hört. Die Liebesgeschichte zwischen dem Gott Amor und der schönen Königstochter Psyche ist wohl die bis heute bekannteste Erzählung Apuleius’. Die dramatische Liebesbeziehung, in der sich das Paar erst trennen und wieder finden muss und einen leidvollen Weg bis zur Hochzeit im Olymp zurücklegt, faszinierte nicht nur die Leser, sondern inspirierte zahlreiche Maler, Bildhauer, Komponisten und Schriftsteller über die Jahrhunderte hinweg. Auch Max Klinger kann sich der leidvollen Liebesgeschichte nicht entziehen und illustriert – im Auftrag des Münchner Verlegers Theodor Ströfer – das Märchen Amor und Psyche. Mit 47 Radierungen, 15 ganzseitigen

Darstellungen und 32 kleinformatigen Vignetten, schuf Klinger seine einzige Illustration eines literarischen Textes. Formal ließ sich Klinger durch antike Vasenmalerei und pompeijanische Wandmalerei anregen. Die floralen und architektonischen Umrahmungen der großen Radierungen fassen die Szenerien nicht nur ein, sondern sind ein verborgener Hinweis auf das weitere Geschehen. Die sich küssenden Amorettenköpfchen am linken Rand des Blattes „Amor kommend“ verweisen auf die Liebesnacht, die den Liebesgott erwartet. Die prachtvolle Buchausgabe erschien 1880 und Max Klinger entwarf auch den aufwändigen Einband mit Prägungen in Gold, Silber und Schwarz, gewidmet war das Werk Johannes Brahms. Im Buch sind die großen Radierungen einzeln eingebunden, die Vignetten, auf Chinapapier gedruckt, in den Text eingeklebt. Noch im selben Jahr veröffentlichte Max Klinger den Zyklus ohne Text als Mappe unter dem Titel „Opus V. Amor und Psyche“. 1898 stellte er den Zyklus auf der ersten Ausstellung der Wiener Secesssion aus. Seine Radierungen wurden auch auf Grund ihres erzählerischen Charakters lobend genannt. Klinger verwendete für Buch und Mappe dieselben Druckplatten. Dabei setzte er mehrere der kleinen Vignetten auf einer Platte ein und beachtete nicht den chronologischen Handlungsverlauf. Für den Betrachter der Mappe, der die Geschichte von Amor und Psyche nicht im Detail kannte, eine intellektuelle Herausforderung – aber gleichzeitig auch eine Möglichkeit der freien Assoziation, um die Erzählstränge neu zu finden und verbinden. Glücklicherweise konnte das Museum mit Mitteln des Freundeskreises Max Klinger e. V. einen einzig erhaltenen Abzug einer verworfenen Platte mit vier Vignetten erwerben. Drei der kleinen Szenen griff Klinger in überarbeiteter Komposition im Zyklus wieder auf. Klinger entführt den Betrachter mit Amor und Psyche in die Welt eines antiken Mythos, doch ist der Zyklus – trotz der erzählerischen und illustrativen Form – durch Max Klingers akzentuierte Komposition und Interpretation eine tiefgründige, moderne Erzählung über die menschliche Psyche und die tragische Liebesgeschichte einer starken, jungen Frau, die sich selbst findet, ihre Rolle erkennt und annimmt.