Ausstellungen
Nude Visions

150 Jahre Körperbilder in der Fotografie

Der Akt, der unbekleidete menschliche Körper, ist seit Erfindung der Fotografie ein zentrales Thema und Motiv in diesem Medium. Die Ausstellung „Nude Visions“, die Ulrich Pohlmann, Leiter der Sammlung Fotografie im Münchner Stadtmuseum konzipierte, visualisiert die lange Historie der Aktfotografie. Die über 200 Fotografien sowie die zahlreichen Mappenwerke, Zeitschriften und Bücher aus der Münchner Sammlung sind im Museum der bildenden Künste Leipzig zusammen mit 80 zeitgenössischen Arbeiten aus der Sammlung von Thomas Olbricht zu sehen. Die Auswahl der Arbeiten wurde gemeinsam mit Wolfgang Schoppmann, Kurator der Olbricht Collection, getroffen. Facettenreich präsentiert die große Ausstellung das

Körperbild, die sich in den 150 Jahren veränderten Darstellungsformen sowie das gewandelte Körper- und Geschlechterverständnis. Daguerreotypien, die seit den 1840er Jahren in Paris entstanden, bilden den Anfang der Aktfotografie. Es sind kostbare Unikate, die den privaten, männlichen Blick auf einen weiblichen Körper erlauben. Um das Seherlebnis zu steigern waren die Daguerreotypien oftmals koloriert. Stereo-Daguerreotypien, wie sie auch in der Ausstellung zu sehen sind, vermittelten eine skulpturale Körperlichkeit und steigerten das Seherlebnis. Die Aktfotografie verfolgte jedoch nicht nur erotische, sondern auch akademische Ziele. Die sogenannten fotografischen „Akademien“, die, meist auf einem Abzug ein Modell von unterschiedlichen Seiten in verschiedenen Positionen wiedergaben, waren für viele Künstler ab der Mitte des 19. Jahrhunderts eine preiswerte Studienvorlage. Während in den ersten Jahrzehnten Aktfotografien im Atelier entstanden, versuchten ab 1880 Fotografen vermehrt Akte im Freien und in einer exotischen Umgebung, zu inszenieren. In der Lebensreform-Bewegung seit Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Freikörperkultur eine besondere Stellung ein. Aktfotografien, die den Körper in seiner Natürlichkeit feierten, stellten für die Naturisten eine wichtige Verbreitung ihrer Ideale dar. Um 1900 wollten sich die Vertreter des internationalen Piktorialismus von der Massenproduktion akademischer Studienvorlagen absetzen und nobilitierten den Akt

als künstlerisches Sujet. Mit aufwändigen Edeldruckverfahren wurde die Bildwirkung der Motive verändert. Das konkret Physische wurde dem Modell entzogen und der Körper in eine abstrakte Form überführt. Bis in die 1930er Jahre hinein entstanden vergleichbare verklärte Bildentwürfe im Geiste des Piktorialismus, parallel zur realistischen Bildsprache der Neuen Sachlichkeit und des Neuen Sehens, die ganz neue Bildlösungen fanden. Mehrfachbelichtungen, Solarisationen und Collagen, extreme Bildausschnitte und Perspektiven gaben der Aktkunst nach dem Ersten Weltkrieg entscheidende Impulse. Der entblößte Körper wurde verfremdet, entmaterialisiert, durchleuchtet, fragmentiert und auf seine prinzipielle Darstellbarkeit hin analysiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg werden die Entwicklungen der Avantgarde aus den Vorkriegsjahren von den Fotografen aufgegriffen und weiter fortgeführt. In den 1950er und 1960er Jahren entstanden Körperbilder von größerer Natürlichkeit und Klarheit in

der Tradition der so genannten Straight Photography. Viele Fotografen vereinigten beide Arbeitsweisen, wie die Fotografien von Josef Breitenbach (1896–1994) zeigen. In den 1970er Jahren entstanden zahlreiche Aktfotografien im Kontext von Body Art und Performance. Die Künstler erhoben die Unmittelbarkeit der eigenen körperlichen Erfahrung dabei oft zur politischen Frage. Die Sexualität Jugendlicher, ihre Selbstfindung und Selbsterfahrung, zeigte der amerikanische Fotograf und Regisseur

Larry Clark (*1943) in einer ungewohnten, offenen wie neuen Bildersprache. Die digitale Fotografie eröffnete neue Dimensionen. Mit den Möglichkeiten der

Manipulierbarkeit veränderten sich die Körperbilder. Und Privat und öffentlich werden im Internet und Fernsehen neu ausgelotet. Thomas Ruff (*1958) beispielsweise arbeitet mit Pornobildern aus dem Internet. Aktfotografie wird oftmals mit dem Bild des weiblichen Aktes gleichgesetzt, dabei gibt es die eigene Bildtradition des männlichen Aktes. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden fotografische Männerakte als Vorlagenstudien für die künstlerische Ausbildung. Darüber hinaus gab es Aktaufnahmen von Anhängern des Bodybuildings. Piktorialisten inszenierten ihre männlichen Modelle hingegen im eklektizistischen Umfeld eines mit Kunstgegenständen dekorierten Interieurs oder als lyrische Motive mit Anklängen an mythologische Themen. Um die Jahrhundertwende setzten die ersten emanzipatorischen Bestrebungen homosexueller Männer ein. Die Aufnahmen

von Guglielmo Plüschow (1852–1930), Wilhelm von Gloeden oder Vincenzo Galdi (1871–1961) fanden ihre Abnehmer auch unter Homosexuellen. Die Wandervogelbewegung bot ebenfalls gewisse Freiräume. Viele Männerakte von Herbert List (1903–1975) fanden dort erste Anregung. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam die kurze Blütezeit des männlichen Aktes in Deutschland zum jähen Erliegen. Eine von Zensur bestimmte Atmosphäre prägte auch die ersten Jahrzehnte nach 1945. Ein neues Selbstverständnis und Selbstbewusstsein zeigen die Aufnahmen von Will McBride (*1931), Herbert Roettgen (*1941), Norbert Przybilla (*1953), Robert Mapplethorpe (1946–1989) oder Wolfgang Tillmanns (*1968). Ungleich seltener richteten Fotografinnen die Kamera auf den männlichen Körper. In Deutschland beschäftigte sich Herlinde Koelbl (*1939) als eine der ersten intensiv mit dem Männerakt. Ein weiterer Aspekt der Ausstellung ist die Fotografie der sogenannten Glamourwelt: Revuetänzerinnen von T. W. Salomon, die Marilyn Monroe Bilder von Bert Stern (*1929), die kurz vor ihrem Tod entstanden, aber auch Fotografien von Stripperinnen und Tänzerinnen in St. Pauli von André Gelpke (*1947) oder Prostituierten von Antoine d’Agata (*1961) sind zu sehen wie zwei Werke von Marilyn Minter (*1948),

die die dunkle Kehrseite des Glamourösen zeigen.