Ausstellungen
Mathieu Molitor

Maler-Bildhauer-Grafiker

Mathieu Molitor, geboren 1873 in Pickließem, einem kleinen Ort in der Eifel, und gestorben 1929 in Leipzig, gehört zu den großen, in Vergessenheit geratenen Künstlern der Zeit um 1900. Er stammt aus einfachen Verhältnissen: Der Vater, als Schachtmeister bei der Eisenbahn angestellt, hatte wenig Verständnis für den Berufswunsch des Sohnes und sorgte dafür, dass dieser „einen praktischen – technischen – Beruf“ erlernte. Molitor musste sich seinen Weg zur Kunst erkämpfen: Er suchte sich selbst eine Ausbildung bei einem Dekorationsmaler in Köln und wechselte nach einem Jahr in ein anderes Atelier, wo unter seiner Leitung 12 große Deckengemälde für das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Restaurant „Maximilian“ entstanden. Wahrscheinlich auf Anraten Ludwig Volkmanns (1870–1947), seit 1896/97 Teilhaber des Verlages Breitkopf & Härtel, kam Mathieu Molitor kurz vor der Jahrhundertwende nach Leipzig, wo er sich als Bildhauer, Maler und Grafiker verwirklichte. Neben seiner langjährigen und fruchtbaren Arbeit für den Leipziger Musikverlag Breitkopf & Härtel und den Schulbildverlag F. E. Wachsmuth schuf er ein vielschichtiges Werk. Mathieu Molitor gehörte dabei zu einem neuen Typus des Künstlers – er war ein ‚nützlicher‘ Künstler, der neben der traditionellen Malerei und Bildhauerei sehr früh in den Bereichen des Kunsthandwerks, der Kunstindustrie und der Werbung gearbeitet hat. Angesichts seines künstlerischen Werkes möchte man zwar durchaus nicht von einer ‚Modernität’ Molitors ausgehen, aber gerade er hat der Vermischung von (hochgeschätzten) freien und (geringgeschätzten) dekorativen Kunstaufgaben entsprochen. Ohne dass er dem 1907 gegründeten deutschen Werkbund angehört hätte, löste er dessen Ziel eines Zusammenwirkens von Kunst, Industrie und Handwerk ein. Früher als andere hat er das Programm einer Veredelung der gewerblichen Arbeit realisiert. Lange bevor der neue Berufstypus des Designers entstand entwarf er Möbel, Vasen, Schalen oder Tafelaufsätze, ja ganze Villenausstattungen und arbeitete als Werbegrafiker. Mit Denkmälern und Statuen, wie dem 1907 entstandenen und 1909 in den Anlagen hinter dem Museum der bildenden Künste Leipzig aufgestellten „Wächter“, prägte er auch das Bild der Messestadt. Bis heute erhalten geblieben – und in aller Welt bekannt – sind die beiden Figurengruppen zu „Faust“ über dem Eingang zu Auerbachs Keller in der Leipziger Mädlerpassage, oder auch die Bauplastik am repräsentativen Neubau des Stadtbades. Molitor leistete einen beachtlichen und bis heute unbekannten Beitrag zur Produktgestaltung seiner Zeit. Freilich gehörte Molitor, im Unterschied etwa zu Zeitgenossen wie Max Klinger, Henry van de Velde oder René Lalique, nicht zu den Künstlern, die auf der Suche nach einem Zeitstil zu eigenständigen Lösungen gefunden haben. Das unterschied ihn auch von den Künstlern des Deutschen Werkbundes. Molitors Modernität als Vertreter des Kunstgewerbes und der Kunstindustrie entsprach nicht einer Modernität der Form. Die Anregungen Molitors waren vielfältig und durchaus nicht einheitlich. Im Unterschied zu vielen zeitgenössischen Künstlern mit ihren Gruppen- und Imagestrategien fehlte es Molitor an Durchsetzungskraft, publizistischen Netzwerken und zielstrebigem Erfolgsmanagement, auch der Nachruhm blieb ihm versagt. Mathieu Molitor starb – schon ziemlich vergessen – am 13. Dezember 1929 in der Heil- und Pflegeanstalt Leipzig-Dösen an einem Gehirnschlag. Die Ausstellung „Mathieu Molitor. Maler – Bildhauer – Grafiker“ trägt erstmals sein spannendes, ebenso vielfältiges wie vielschichtiges Œuvre zusammen und lädt zur Wieder-entdeckung dieses Grenzgängers zwischen Kunst und Design ein.