Ausstellungen
Ernst Ludwig Kirchner. Zeichnen bis zur Raserei

Meisterblätter aus dem Brücke-Museum Berlin

Ernst Ludwig Kirchner (1880 – 1939) gilt als bedeutendster Zeichner des Expres-sionismus. Zeichnungen stellen in seinem Œuvre einen ebenso eigenständigen wie umfangreichen Werkteil dar. Kirchner zeichnete, wo er sich befand, ob im Atelier oder unterwegs. Tausende von Arbeiten entstanden auf diese Weise. Viele seiner Gemälde haben in den Zeichnungen ihre Wurzeln. Kirchner selbst schreibt in einem Tage-bucheintrag vom 4. August 1919: „Ich muß zeichnen bis zur Raserei, nur zeichnen, dann nach einiger Zeit nur das Gute aussuchen. Die Technik ist zu schön.“ Die Auswahl der ‚Meisterblätter’ aus dem Berliner Brücke-Museum, das eine der umfangreichsten Kirchner-Sammlungen weltweit beherbergt, gibt einen Überblick über sämtliche Schaffensperioden – von den gemeinsamen Anfängen mit den Brücke-Kollegen um 1905 über die produktiven Berliner Jahre bis hin zum Schweizer Spätwerk.

Zeichnen war das zentrale Medium der Brücke-Kollegen Kirchner,  Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff. Zwar wurden sie schon in ihrem Architekturstudium in diesem Medium geschult, wohl aber mit der dem Architekten auferlegten Akkuratheit. Seit der Brücke-Gründung 1905 trafen sie sich meist bei Kirchner, um zu zeichnen. Sie etablierten für sich die sogenannten „Viertelstundenakte“, in denen ein Aktmodell nach spätestens fünfzehn Minuten eine neue Position einnimmt. Nicht das genaue, akademisch-präzise Zeichnen nach der Natur stand im Vordergrund, sondern es ging den jungen Künstlern um das schnelle Erfassen von Physiognomie und Bewegung, ohne die exakte Widergabe von Einzelheiten. Die reinen Umrisslinien, Proportionen und perspektivischen Verkürzungen rücken in den Fokus.

 

Die Linie, ohnehin wesentliches Element der Zeichnung, bekommt durch die Reduktion einen erhöhten Stellenwert. Schon bei Vincent van Gogh, Gustav Klimt oder Edvard Munch, deren Werke Kirchner zwischen 1905 und 1908 intensiv studierte, wurde die Linie dynamisch und zur selbständigen Kraft. Entscheidend wurde Kirchner auch von Henri Matisse angeregt, dessen Werke er bei Paul Cassierer in Berlin im Januar 1909 zum ersten Mal sah. Auf Matisse’ Einfluss wird die flächige Wirkung von Kirchners Zeichnungen, in denen die Kontur dominiert, zurückgeführt.

Das skizzenhafte Improvisieren führt Kirchner in den Jahren um 1910 zu eigenen Bildzeichen, die er selber später „Hieroglyphen“ nannte. Er verdichtet Linien und lässt zugleich vieles frei, seine Formen werden strenger, schroffer und energischer. Immer stärker betritt Kirchner damit den Bereich des ‚reinen Ausdrucks’.

 

Mit der Übersiedlung nach Berlin kommt es nach 1911 zu einer weiteren Steigerung, die mit dem Rhythmus des Großstadtlebens in Korrelation steht, das Kirchner nun ständig in seinen Zeichnungen einfängt. 1913/14 ist Kirchner auf dem Höhepunkt seines Schaffens angelangt. Seine Linie ist „bis zum Äußersten angespannt, geradezu mit Elektrizität geladen; sie vibriert, lässt die Komposition explodieren, wirbelt, beginnt zu zucken, bildet – Nervensträngen ähnlich – dichte Geflechte und Bahnen, wird zum Synonym für Kirchners Empfinden dieser Zeit“ (Magdalena M. Moeller). Kirchners Zeichnungen werden immer wieder auch als Ausdruck seiner empfind-samen, nervösen psychischen Disposition gedeutet. Linie und Fläche, das Spontane und Unmittelbare sind noch bis weit in die 1920er Jahre wesentlich für Kirchners Zeichnungen, auch wenn die Themen – Landschaften, Tiere und Menschen – nun von seiner Wahlheimat in den Schweizer Bergen bestimmt werden.

„Ernst Ludwig Kirchner – Meisterblätter“ zeigt die herausragendsten Zeichnungen aus der Sammlung des Brücke-Museums Berlin und war 2008 erster Teil eines drei-teiligen Ausstellungszyklus, den das Brücke-Museum anlässlich des 70. Todestages von Kirchner ausgerichtet hat. Anhand der „Meisterblätter“ lässt sich die zeichnerische Entwicklung Kirchners von 1906 bis 1937 verfolgen. Die Gliederung folgt Kirchners Hauptthemen: den Berliner Straßenszenen, den Bildern aus Varieté und Zirkus, den Landschaften von der Ostseeinsel Fehmarn bis zur Wahlheimat Schweiz sowie den Porträts und Akten.