Ausstellungen
Tübke

Die Retrospektive zum 80. Geburtstag

Werner Tübke (1929–2004) ist einer der wichtigsten Vertreter der Leipziger Schule. Der „Malerfürst“ widmete sich in seinen Werken sowohl weltumspannenden Gesellschaftskonflikten aus historischer und religiöser Perspektive, als auch Harlekinaden, ltalienmotiven, Strandszenen und privaten Sujets wie Einzelfiguren oder Porträts. In seiner Haltung und seinem Werk steckte stets ein Konfliktpotential, da der Eigensinn nicht immer mit kulturpolitischen Leitbildern in Deckungsgleichheit zu bringen war. So balancierte er zwischen Staatsaufträgen und Gönnern und Förderern außerhalb der Landesgrenzen, was bis heute Diskussionen befördert. Die Retrospektive zeigt eine Auswahl von über 90 Gemälden, die ein zeitlich umfassendes Panorama des malerischen Gesamtwerkes des Künstlers darbieten und den Facettenreichtum seines Schaffens deutlich vor Augen treten lassen. Gezeigt werden sowohl prominente Werke aus großen deutschen Museen wie auch weniger bekannte Bilder aus Privatbesitz. Ein Schwerpunkt der Auswahl sind Werke historischer bzw. zeitgenössischer Thematik, darunter „Fünf Kontinente“ (die sog. ‚Astoria-Bilder’, 1958), „Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ (1961) und „Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze“ (1965–1967). Für Tübke war der deutsche Allerweltsname „Schulze“ ein Synonym für alle Schreibtischtäter staatlich sanktionierten Terrors. Nicht selten hat die große Präsenz der Narren und Harlekine im Lebenswerk des Leipziger Malers und Grafikers Werner Tübke zu Verwirrung geführt. Die zahlreichen Gemälde mit toten, beweinten Harlekinen, visionären Narrenfiguren und Zauberern regen an, die Figuren einerseits als historische Verrätselungen, Allegorien der Ratlosigkeit oder ganz allgemein als theatrale, tragische Gebärden zu verstehen. Hinter den Narren und Harlekinen verbirgt sich jedoch auch ein Schlüssel für das Verständnis seiner künstlerischen Selbstwahrnehmung. Zwei Reisen hatten auf die stilistischen und inhaltlichen Intentionen von Werner Tübke nachhaltigen Einfluss. 1961/62 reiste er durch kulturhistorisch bedeutende Städte der Sowjetunion, wonach ca. 150 Zeichnungen entstanden. Nach diesen Studien schuf er die Gemälde „Selbstbildnis in Samarkand“ (1962), „Bildnis des Viehzuchtbrigadiers Bodlenkow“ (1962) und „Bauernmarkt in Samarkand“ (1963). Die zweite prägende Reise unternahm Werner Tübke nach Italien, als im Mai 1971 die Galerie del Levante in Mailand die erste Tübke-Ausstellung im Ausland eröffnete und ihm zum internationalen Durchbruch verhalf. Von 1983 bis 1987 malte Tübke zusammen mit fünf Assistenten in Bad Frankenhausen an dem 14 x 123 m großen Panoramabild „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland“. Sieben Einzelwerke aus dem Zusammenhang seiner Beschäftigung für das Monumentalgemälde werden in der Ausstellung gezeigt. Zahlreiche Selbstbildnisse und die Bühnenbildentwürfe zu Carl Maria von Webers Freischütz runden die konzentrierte Auswahl ab. Mitte der 1990er Jahre bot der Intendant der Bonner Oper, Gian-Carlo del Monaco, Werner Tübke an, die Bühnenausstattung für seine Neuinszenierung von Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ zu übernehmen. 1991/92 entstanden acht im Maßstab 1:20 ausgeführte Gemäldefassungen, die in der Retrospektive zu sehen sind. Sie nehmen als intime Seelenlandschaften eine Schlüsselstellung zwischen dem Bad Frankenhausener Panoramabild und dem malerischen Spätwerk der 1990er Jahre ein.