Ausstellungen
Kopf oder Zahl

Leipziger Gesichter und Geschichten 1858 - 2008

Am 18. Dezember 1858 wurde das Städtische Museum Leipzig – das heutige

Museum der bildenden Künste – feierlich eröffnet. Den 150. Geburtstag in diesem Jahr feiert das Museum mit der großen Ausstellung Kopf oder Zahl. Leipziger Gesichter und Geschichten 1858 – 2008. Im Zeitraum von anderthalb Jahrhunderten steht ein Porträt mit seinem Vollendungsjahr für ein Jahr Museumsgeschichte. Berühmte Leipziger wie August Bebel, Heinrich Brockhaus, Walter Ulbricht oder Richard Wagner sind darunter, aber auch ‚Namenlose‘ wie ein Schweißer oder eine Pförtnerin aus dem Leipziger Rathaus. Der Besucher hat die Möglichkeit, Einblicke in den großen Fundus des Museums zu gewinnen und kann auch auf diese Weise Entdeckungen zu Leipziger Gesichtern und Geschichten machen. Die Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien vermitteln eine besondere Kunstgeschichte des Bildnisses – nämlich aus der Perspektive einer Stadt! Leipzig hat die Besonderheit, dass die Künstler dieser Stadt bis zum heutigen Tage an der Gattung Porträt festgehalten haben – auch nach 1945, als anderswo eine nichtfigurative Kunst dominierte. Aus diesem Grunde kann das Museum der bildenden Künste auf eine Fülle von unterschiedlichsten Bildnismotiven zurückgreifen: Auf das indirekte Porträt, das Standesporträt, das Selbstbildnis, das Rollenporträt, das Arbeiter- und Brigadeporträt.

Das Spektrum der Darstellungsmöglichkeiten wie auch der künstlerischen Medien ist ungewöhnlich breit gefächert – auch darin liegt ein besonderer Reiz der Jubiläumsausstellung. Gemäß dem Untertitel „Leipziger Gesichter und Geschichten“ werden ausgewählte Porträts von Objekten flankiert, die eng mit der dargestellten Person und ihrer Geschichte verbunden sind und diese beispielhaft illustrieren. Sie stammen zumeist aus den Beständen Leipziger Museumssammlungen. So besitzt das Stadtgeschichtliche Museum persönliche Gegenstände von Walter Ulbricht  (u. a. seinen Küchenstuhl) oder einen Taktstock, den Richard Wagner bei der Generalprobe zum Eröffnungskonzert des Bayreuther Festspielhauses am 25. März 1872 zerbrach. Von Karl Liebknecht, ebenfalls ein Leipziger, hat sich ein Frack erhalten, der zusammen mit der berühmten Zeichnung von Käthe Kollwitz, die sie unmittelbar nach der Ermordung des Politikers 1919 angefertigt hatte, ausgestellt wird. Aus dem Zeitgeschichtlichen Forum stammen ein Karl-Marx-Orden, wie ihn die Parteiveteranin Elfriede Kiele verliehen bekam oder ein Umsiedlerrucksack aus der Nachkriegszeit. Und in den eigenen Beständen findet sich eine Urkunde, die Adolf Heinrich Schletter vom Österreichischen Kunstverein als Dank erhielt, nach dem er das berühmte Napoleon-Gemälde von Paul Delaroche aus seiner Sammlung ausgeliehen hatte. Diese Sekundärobjekte binden die Dargestellten auf erzählerische Weise in einen kulturellen Kontext und machen so Kulturgeschichte lebendig erfahrbar. Wenn in der Renaissance gefordert wurde, das Porträt müsse „die Würde und Größe des Menschen herausarbeiten“ – so Giovanni Paolo Lomazzo in seinem Malereitraktat von 1584 –, so geht es in der Ausstellung auch um die Selbsterkundung und Selbstinszenierung, um die illusionäre oder auch illusionslose Wiedergabe der Person. Die Ausstellung will ein vielfältiges facettenreiches Panorama der Köpfe einer Stadt bieten, die nicht zuletzt auch in den Porträts ihrer Bewohner immer etwas besonderes war.