Ausstellungen
Zeichnungen von Adam Friedrich Oeser

Das Evengelium des Schönen

a"Das Evangelium des Schönen, mehr noch des Geschmackvollen und Angenehmen", so Goethe, habe ihm sein Zeichenlehrer Adam Friedrich Oeser (1717-1799) vermittelt, der von 1764 bis 1799 Direktor der Leipziger "Zeichnungs-Mahlerey- und Architectur-Academie" war. Oesers "Evangelium des Schönen" muss auf viele gewirkt haben – auf den jungen Jurastudenten Goethe – aber auch auf den großen Leipziger Musikverleger Bernhard Christoph Breitkopf. In der Einrichtung des neuen Hauses von Breitkopf z.B. glaubte Goethe "die Oeserischen Lehren angewendet zu sehen". Oesers Geschmacksreform war so umfassend angelegt, auch Handwerk und Gewerbe einzubeziehen. Als Direktor der Akademie legte er Wert darauf, dass an seinem Unterricht selbst Silberschmiede und Schlosser, Blumenzeichner und Konditoren teilnahmen. Vielleicht war er einer der ersten, der den Zusammenhang zwischen dem Erfolg eines Produktes und seiner guten Form sah. In der Einbeziehung des Handwerks in die Arbeit der Akademie und in der unablässigen Bemühung, das gestalterisch-künstlerische Niveau zu heben, fühlt man sich an Reformgedanken des frühen 20. Jahrhunderts, etwa an die des Werkbundes erinnert. Oeser veränderte in umfassendem Sinne den "barocken Geschmack" (Goethe)! Mit ihm beginnt der "Schwanengesang" des Barock zumindest in Deutschland. Goethe nannte ihn einen Feind des "Schnörkel- und Muschelwesens", das gerade auch in der Buchstadt Leipzig weite Verbreitung gefunden hatte. Als Direktor der Akademie in Leipzig entwickelte er neue Unterrichtsmethoden, er öffnete die Akademie für Handwerk und Industrie, er förderte das "Produktdesign", er stimulierte die Schaulust des Lesers durch die Buchillustration und erwies sich in seinen zahlreichen (heute kaum noch erhaltenen Deckenmalereien) als Schöpfer einer neuartigen frühaufklärerischen Ikonographie.

In seinen Porträts war er durchaus der Vertreter einer – wie man es in seiner Zeit

gerne nannte – "Seelenmalerei", in der die psychologische Präsenz und

Glaubwürdigkeit mehr zählte als die imponierende Pose und der rhetorische Aufwand. Wie kaum ein zweiter in der deutschen Kunst des 18. Jahrhunderts repräsentiert Oeser das Neue in einer geschichtlichen Phase des Umbruchs. In einer Zeit des einschneidenden Erfahrungswandels, neuer Weltsichten und Begriffsbedeutungen zwischen 1750 und 1770 war er einer der führenden Repräsentanten der neuen Ästhetik. In Goethes "Propyläen" im Jahre 1800 hieß es in einem Nachruf, er sei "einer der begabtesten Menschen unseres Jahrhunderts", gewesen. In vielen Notierungen über ihn wird indessen auch deutlich, wie sehr er auch als Individuum beeindruckte. Seine Menschenfreundlichkeit, Uneigennützigkeit und Warmherzigkeit machen ihn zu einem Prototypen des neuen "Weimarer" Persönlichkeitsideals. Goethe rühmte in "Dichtung und Wahrheit" darüber hinaus seinen Humor und seine Weltklugheit, in einem Nekrolog im "Neuen Teutschen Merkur" schrieb in ähnlicher Weise Johann Gottfried Seume: "Mögen andre den Künstler bewundern, der Geist in die Form schuf! Wahr, der Künstler war groß; aber ich liebte den Mann." "Das Evangelium des Schönen" zeigt 55 Zeichnungen Oesers, die mit einer Reihe von graphischen Blättern vor allem von Johann Friedrich Bause und Christian Gottlieb Geyser ergänzt werden. Der Großteil der Werke ist noch nie zuvor gezeigt worden – vielleicht ein Hinweis, dass Oeser zu den unbekannten "Bekannten" der Kunstgeschichte des 18. Jahrhunderts zählt. Das Museum der bildenden Künste besitzt eine beträchtliche Anzahl an Werken von Adam Friedrich Oeser: Über 350 Zeichnungen kann die Graphische Sammlung ihr eigen nennen, dabei bildet das Vermächtnis von Dr. Alphons Dürr mit über 213 Objekten den Kern dieses Bestandes.