Ausstellungen
Gunter Sachs

Die Kunst ist weiblich...

Wie nur wenige hat Gunter Sachs die Entwicklungen der Kunst im letzten halben Jahrhundert verfolgt und mit geprägt. Aus nächster Nähe und mit sicherem Gespür für den Zeitgeist. Als Sammler, Dokumentarfilmer, Museumspräsident, Galerist und Photograph. Vom 1. März bis 22. Juni zeigt die Leipziger Ausstellung „Die Kunst ist weiblich...“ zum ersten Mal alle wichtigen Abschnitte aus dem Leben dieses „Weltbürgers“ und vereint so fünfzig Jahre Kunst und Lebenskunst. Die Retrospektive wurde eigens für das Museum der bildenden Künste zusammen gestellt und wird nur dort zu sehen sein. Eine Fläche von 2000 m2 bot dabei die Möglichkeit, bei der Konzeption der Ausstellung neue Wege zu gehen. So erlaubt es die Architektur des Hauses, die Kult gewordene Pop-Wohnung aus dem Palace-Hotel in St. Moritz als begehbares Kunstwerk vollständig und originalgetreu noch einmal aufzubauen. Mit zahlreichen Werken moderner Kunst (Pop Art, Nouveaux Realistes, Surrealismus) ist die Sammlung von Gunter Sachs vertreten, im Dialog mit rund 240 Arbeiten aus seinem photographischen Werk, darunter mehrere bislang unveröffentlichte Arbeiten. Erstmals zu sehen ist auch das Interieur seiner Pariser Wohnung der 60er Jahre sowie eine Rauminstallation aus dem von ihm gegründeten Draculaclub. Mit vier seiner preisgekrönten Dokumentarfilme präsentiert sich das filmische Werk – darunter der neu bearbeitete Superzeitlupenfilm „Happening in White“. Zudem begegnen die Besucher seltenen persönlichen Objekten, die Teil einer umfangreichen Dokumentation des Lebens von Gunter Sachs sind. Darunter Motorräder, Bob- und

Crestaschlitten aus den 60er und 70er Jahren oder der von Sachs gestaltete Boxmantel von Henry Maske. Nicht zuletzt würdigt das Leipziger Museum auch seine jüngste Leidenschaft für die Innovation in der Kunst – Graffiti, die als Performance Art direkt vor Ort auf eine Wand gesprüht wird. Wie in einem Brennspiegel bündelt die Retrospektive so die Stationen eines außergewöhnlichen Lebens, das sich anschaulicher und prägnanter kaum erfahren lässt. Geboren wird Gunter Sachs 1932 auf Schloß Mainberg/Franken. Den größten Teil seiner Jugend verbringt er in der Schweiz, wo er verschiedene Internate besucht, Mathematik und Wirtschaft studiert, bis es ihn Mitte der 50er Jahre nach Paris zieht. Er besucht kunstgeschichtliche Vorlesungen, interessiert sich zunächst für Utrillo, Buffet und Dufy, und knüpft erste Kontakte zu jungen französischen Künstlern. Fasziniert von der aufstrebenden Kunst- und Galerieszene der Seine-Stadt beginnt er, mit damals noch bescheidenen materiellen Mitteln, zeitgenössische Kunst zu sammeln. Ein „sehr mittleres Aquarell von Picasso“, wie Gunter Sachs später dazu meint, sowie zwei Werke von Victor Brauner und Fautrier sind seine ersten Ankäufe. Noch

mehr aber zieht ihn die weitgehend unbekannte Avantgarde an. In der Brasserie ‚La Coupole‘, dem universellen Treffpunkt der Szene, begegnet er Künstlern wie Armand, César und Yves Klein, woraus zum Teil langjährige Freundschaften entstehen. Mit Werken der Nouveaux Réalistes, des Informel und bald auch der Pop-Art legt er den Grundstock seiner Sammlung. erhält damals in diesem ‚musée engagée‘ eine grenzüberschreitende Plattform und München gewinnt als Kunststadt eine neue Perspektive. Jeden Monat zeigt das Museum unkonventionelle Ausstellungen von teils aufsteigenden jungen, viel versprechenden Künstlern, deren Zahl und Namen sich heute sehen lassen können: Viktor Vasarely, Georg Baselitz, Heinz Edelmann, Christo, Cy Twombly, Alexander Calder, Heinz Mack, Jean Tinguely, Roy Lichtenstein, Gotthard Graubner oder Hermann Gloeckner hängen, stehen und schweben in den Räumen des ‚MAM‘. Das ‚Modern Art Museum Munich‘ wird ein Treffpunkt für den großen wie den kleinen Gedankenaustausch, mit einer sehr offenen Atmosphäre, in der viele Idee entstehen und reifen, die sich später in der Kunst durchsetzen. Ein von den Ausstellungsmachern des ‚MAM‘ favorisierter Museumsneubau für zeitgenössische Kunst bleibt ihnen jedoch verwehrt. Die Idee konnte erst 2002 mit der Eröffnung der Pinakothek der Moderne umgesetzt werden. Gunter Sachs zieht nach Hamburg, eröffnet 1972 die ‚Galerie an der Milchstraße‘ und zeigt die erste umfassende Galerie-Ausstellung von Andy Warhol in Europa/außerhalb der USA. Der Underground-Star aus New York, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verbindet, ist eigens angereist. Für die Exponate finden sich jedoch bei der Vernissage keine Käufer, so dass Sachs kurz entschlossen ein Drittel der Werke selbst erwirbt und Warhol stolz vom Verkaufserfolg des Abends berichtet. Alle sind zufrieden, vor allem der Galerist – kann er doch seine Sammlung so um zahlreiche Arbeiten der Pop-Ikone bereichern, darunter auch der ‚Superman‘, den er 2004 als eines der wertvollsten Bilder der Pop-Epoche wieder veräußert. Eine Hauptrolle spielt die Moderne schon einige Jahre zuvor (1969) als Gunter Sachs in das Turmappartement des Palace Hotels in St. Moritz einzieht. Im Tross befreundete Künstler jener Zeit, mit denen er ein ‚Modern Art Happening‘ plant.

Tom Wesselman, Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Arman, César, Yves Klein und Allen Jones suchen sich in der Wohnung einen Platz und gestalten nach ihren Vorstellungen das Interieur. Lichtenstein greift zur Badewanne, César und Allen Jones zu den Möbeln, Andy Warhol gestaltet die Küche mit einer eigenwilligen Rohrkonstruktion und zehn lächelnden Marylins. Das Resultat ist ein lebendes Stück Kunst-Zeitgeschichte und der museal gewordene Turm ein Dokument des Lebensgefühls der Sixties. 1991 verlässt Gunter Sachs den Turm und die Unikate des Appartements gelangen in ein Kunstlager. Für die Ausstellung in Leipzig wird die Palace–Wohnung nun erstmals vollständig rekonstruiert und so kommt wieder zusammen was einst zusammen gehörte. Der Besucher kann sich in dem bewohnbaren Gesamtkunstwerk bewegen und ein Stück Lebensgefühl der ausgehenden 60er Jahre nachempfinden. Eine Zeit, die von ästhetischen Idealen und kreativen, die Konventionen in Frage stellenden, Aktionen geprägt wird. Gunter Sachs ist jedoch nicht nur als Sammler und Vermittler der Kunst seiner Generation aktiv. Er beginnt in jenen Jahren auch sein eigenes künstlerisches Werk zu erarbeiten. Dabei widmet er sich zunächst dem Genre des Dokumentarfilms und dreht in rascher Folge von 1963 an fünf Kurzfilme, die in den Kinos als prämierte Vorfilme laufen und auf internationalen Festivals mit Preisen ausgezeichnet werden. 1969 folgt der abendfüllende Dokumentarfilm „Happening in White“. Bei den

Dreharbeiten verwendet Gunter Sachs erstmals Hochgeschwindigkeitskameras, mit denen bis dahin nicht gezeigte Zeitlupenaufnahmen möglich waren. Die Langzeit-Fotografiegeräte, die bis zu 10.000 Bilder pro Sekunde auf Zelluloid festhalten, sind Entwicklungen von Bell & Howell für den legendären Flugzeughersteller Marcel Dasseau, um aus Kampfflugzeugen Geschoßlaufbahnen zu verfolgen. Das Internationale Olympische Komitee zeichnet ‚Happening in White‘ 1972 mit dem ersten Preis aus und die Extremzeitlupe macht ihren Weg ins Western- und Actionkino. Mit moderner Technik bearbeitet, ist in Leipzig ein Querschnitt des filmischen Werks von Gunter Sachs zu sehen, womit eine wichtige Etappe der Filmgeschichte und Bilderästhetik, aber auch der Technikgeschichte nachvollziehbar wird. Allerdings erkennt Sachs auch, wie ihn die immer aufwendigere Technik der Filmproduktion in seiner künstlerischen Bewegungsfreiheit einschränkt, was den Ausschlag gibt, sich vom Film zu trennen und der Photographie zuzuwenden. Wie schon beim Dokumentarfilm erlernt er das photographische Handwerk als Autodidakt und schafft in wenigen Jahren den Durchbruch als international anerkannter Lichtbild-Künstler. 1973 photographiert er das ‚Erste Nue‘ für die französische „Vogue“. Für seine Aufnahmen in der von Fritz Gruber organisierten Ausstellung „Aspekte der Fotografie“ erhält er 1974 den Obelisken an der Photokina, gleichzeitig kreiert er das offizielle Photokina-Plakat.

In den darauf folgenden drei Jahrzehnten schafft Gunter Sachs ein viel beachtetes Werk, in dem der Akt- und Landschaftsfotografie ein hoher Stellenwert zukommt und die Bildauffassungen der Ästhetik und des Surrealismus Regie führen. 1982 werden seine Werke mit dem Leica-Preis ausgezeichnet. 1987 photographiert und verlegt er das Buch T‘, das 1,4 (!) Millionen Mark für die Kinderstiftung seiner Frau Mirja einbringt. 1991 entsteht die Serie ‚Heldinnen‘ mit Claudia Schiffer. Neben die analoge tritt die digitale Photographie und bereits 1995 zeigt Gunter Sachs erste Kunstausstellungen mit ausschließlich digitalen Composing–Bildern. Sein künstlerischer Werdegang als Photograph ist mit annähernd 240 Arbeiten in allen wichtigen Etappen in Leipzig präsent und stellt seine Werke in aufschlußreiche Beziehungen zu Bildern aus seiner Kunstsammlung. Auch den Modemacher, Bestsellerautor oder Sportsmann zeigt die Ausstellung als Dokumentation eines

ausgefallenen Lebensstils, der in den 60er Jahren, besonders während seiner Ehe mit der französischen Schauspielerin Brigitte Bardot, intensiv verfolgt und beschrieben wurde. Gunter Sachs prägte und beeinflusste mit seinen vielfältigen Begabungen die Kunst und Kultur unserer Zeit. Ein Gespür für Mentalitäten und Zeitstimmungen und sein Anspruch auf höchste Qualität in der Umsetzung führten zu einem (noch lange nicht abgeschlossenen) Lebenswerk, das einlädt, an kreativen Phantasien teilzuhaben, sie als Orientierung anzunehmen und stets neue Entwürfe der Schönheit mitzuerleben.